Sensibel bleiben: sprachliche Inklusion in den Medien

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„Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig. Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.“ (Bertold Brecht)

Foto: © svort – Fotolia.com

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Manchmal sitzt man in der U-Bahn und lauscht den Gesprächen der jungen Generation. Nicht nur „Bist du behindert, oder was?“ oder auch „Ey, du Mongo!“ kommen einem dort zu Ohren. Es fallen viele solcher Bezeichnungen und Formulierungen, über deren eigentliche Bedeutung vor der Aussprache sicherlich nicht immer nachgedacht wird.

Kann man die Sprüche in der U-Bahn noch als jugendliche Unwissenheit oder pure Provokation abhaken, können ähnliche Aussagen an anderer Stelle weitreichende Folgen haben. Denn auch innerhalb der Massenmedien passiert es leider oft genug, dass Menschen mit Behinderung inhaltlich und sprachlich stigmatisierend dargestellt werden.

Diskriminierung durch Reduzierung auf Defizite

Diese Stigmatisierung muss gar nicht einmal in plakativer Form geschehen oder gar mit böser Absicht. Schon eine nicht ausreichend reflektierte Art der Berichterstattung kann ungewollt einen negativen Beigeschmack erhalten. Menschen mit einer Behinderung werden oftmals auf ihre Defizite reduziert und als hilfsbedürftige Wesen dargestellt. Es werden ungewöhnliche Leistungen, Kompetenzen oder Erfolge hervorgehoben, die Menschen trotz ihrer Behinderung erbracht haben – beispielsweise im Rahmen der Paralympics. Die Einschränkung steht im Mittelpunkt, nicht der Wille und die Leistung, die zu dem Erfolg geführt haben.

Auffällig ist auch, dass die unterschiedlichen Arten von Behinderungen oft verkürzt und vereinfacht dargestellt werden. So werden in den Medien immer wieder lediglich pauschal körperliche oder geistige Behinderungen aufgegriffen, wie beispielsweise die Nutzung eines Rollstuhls oder eine Person mit Trisomie 21. Verschiedene Arten von Einschränkungen, die beispielsweise einen Menschen davon abhalten können, sich auf seinen eigenen Beinen fortzubewegen, werden nicht ausdifferenziert. Das Individuum und seine ganz persönliche Situation werden vernachlässigt.

Die Massenmedien tragen eine hohe Verantwortung

Einer solchen sprachlichen Diskriminierung von behinderten Menschen in den Medien entgegenzuwirken ist besonders wichtig, da die Massenmedien alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringen und eine Hauptinformationsquelle sind. Im heutigen Medienzeitalter wird das Bild von Menschen, die mit einer Behinderung leben, innerhalb der Gesellschaft durch eben diese Informationssysteme geprägt – sie leben Inklusion und Exklusion vor.

Um so wichtiger ist es für jeden Medienschaffenden, sich seines Einflusses bewusst zu sein und sensibel die verwendeten Sprachbilder zu hinterfragen. Die Medien tragen Verantwortung, welche Bilder von Menschen mit einer Behinderung das gesellschaftliche Bewusstsein prägen. Doch auch in den Medien der Unternehmenskommunikation kann die Sprachverwendung im Zusammenhang mit Behinderungen reflektiert und positive Gegenkonzepte entwickelt werden. Generell gilt: Hinterfragen Sie alle Publikationen, die sich an die breite Öffentlichkeit wenden, ganz besonders.

Mögliche Lösungsansätze

Es ist natürlich keine Lösung, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Dass dies schnell den gegenteiligen Effekt haben kann, zeigt eine andere Art der Diskriminierung, wie sie Tag für Tag in den Medien zu finden ist: Die Stigmatisierung durch eine besondere Vorsicht und politische Korrektheit. Die Formulierung Menschen mit besonderen Bedürfnissen ist hier ein Beispiel. Auch werden realitätsferne oder besonders gefühlsbetonte, dramatisierende Ausdrucksweisen gewählt, wie an einer Behinderung leiden oder an den Rollstuhl gefesselt sein.

Ein besserer Weg ist es, die Substantivierung des Adjektivs behindert zu vermeiden, um so den Menschen in den Vordergrund zu rücken und nicht mehr seine Behinderung:

  • der Mensch, der mit einer Behinderung lebt
  • der durch eine Behinderung beeinträchtigte Mensch
  • die Schülerin mit einer Sprachbehinderung

Auch kann die Behinderung im Sinne eines Beiwortes statt einer zu beschreibenden Eigenschaft genutzt werden. Statt an einer Behinderung leiden kann gesagt werden, dass jemand eine Behinderung hat oder mit einer Behinderung lebt. Ähnlich kann auch mit der Formulierung an den Rollstuhl gefesselt umgegangen werden. Eine sachliche Darstellung könnte beispielsweise sein, dass ein Rollstuhl benutzt wird oder derjenige auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Wichtig ist vor allem eins: Es ist nicht notwendig, sich wie auf rohen Eiern zu bewegen und möglichst „politisch korrekt“ zu sprechen und zu schreiben. Wir müssen ein Thema, das kein Problem sein sollte, nicht mit schwierigen sprachlichen Konstrukten und zu Tode diskutierten Formulierungen zu einem machen. Vielmehr geht es darum, sensibel dafür zu sein und zu bleiben, wie Aussagen auf unsere Mitmenschen wirken.

Wir müssen den Menschen in den Mittelpunkt stellen, mit all seinen Fähigkeiten, Vorlieben und Abneigungen. Ob der eine nicht selbstständig laufen kann oder der andere eine von der „Norm“ abweiche Art und Weise hat, die Welt zu begreifen, ist und sollte zweitrangig sein.

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