Wie schätzen Sie Ihre Mitmenschen ein?

Einschätzen von MenschenIm Grunde genommen glauben wir Menschen, dass die Medizin unseren Körper sehr ausgiebig erforscht hat: Krankheiten können geheilt, Knochenbrüche verarztet und Wunden zugenäht werden. Doch an einer Stelle unseres Körpers sind selbst die Spezialisten teilweise ein wenig ratlos – unserem Hirn. Ein führender Neurochirurg sagte, dass sie eigentlich so gut wie gar nichts über das menschliche Denkorgan wüssten und zum Beispiel bei Operationen im Schädel oft im „Dunkeln“ rumstocherten. Auch Kognitionspsychologen haben nach wie vor noch viele Themen rund um das Gehirn, die sie erforschen können und möchten.

Nur allzu gut wissen wir alle, wie oft unser Hirn uns Streiche spielt beziehungsweise seine eigenen Spielregeln im Leben anwendet, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen können. Wir Menschen besitzen nur eingeschränkte kognitive Fähigkeiten und davon können wir auch nur einen Bruchteil bewusst steuern. Beispielsweise unterliegen wir beim Einschätzen unserer eigenen Fähigkeiten und auch von anderen Personen oft Fehlern, die wir nicht bemerken. Viele Personen behaupten zum Beispiel von sich, dass sie eine sehr gute Menschenkenntnis besitzen und sich in der Urteilsbildung über andere Personen eher selten täuschen. Doch in Wahrheit liegen wir alle mit der Einschätzung unserer Mitmenschen oftmals daneben, aber wir merken es nicht. Unser Hirn verknüpft Dinge, von denen wir bewusst nichts wissen.

Hierzu ein Beispiel: Wenn wir von uns selber erzählen, stellen wir unsere eigenen Leistungen oder Begabungen als überdurchschnittlich dar. Egal ob es um Wissen, Kompetenz oder andere Bereiche geht, wir meinen, dass wir eindeutig über dem Durchschnitt liegen. Hinzu kommt, dass je weniger Erfahrung oder Kompetenz man auf einem Gebiet hat, desto mehr beharrt man auf seinen unglaublich hohen Fähigkeiten. Das Problem an dieser Stelle ist jedoch, dass wir nur uns selber als besser einschätzen, als wir es tatsächlich sind. Vor allem im Businessalltag kann dieses zu gefährlichen Fehleinschätzungen führen, die im schlimmsten Fall einige Euros kosten. Auf der anderen Seite können diese Selbsteinschätzungen auch dazu führen, dass besonders schwierige Aufgaben eher angegangen werden.

Wenn es um die Beurteilungen anderer geht, geschieht oft das Gegenteil: Wir bewerten sie schlechter, als ihre Fähigkeiten in der Realität sind. Das liegt daran, dass die Messlatte der Bewertung an uns selbst ausgerichtet ist. Und da wir uns selber ins Positive verzerren, steht unsere Umwelt dementsprechend schlechter dar. Sind wir denn wirklich alle so toll? Haben unsere Kollegen auf manchen Gebieten nicht einfach mehr Wissen oder Kompetenz als wir?

Leider ordnen wir oftmals allerdings unsere Mitmenschen bzw. Kollegen schon bei der ersten Begegnung in sogenannte Kategorien ein und schreiben ihnen dementsprechende Merkmale zu. Wir gehen davon aus, dass wir eine Person direkt nach dem ersten Kontakt richtig einschätzten. An diesem anfänglichen Urteil orientieren wir dann alle weiteren Attribute, die wir der Person zuschreiben. Empfinden wir eine Person von Anfang an als unsympathisch oder inkompetent, bewerten wir alle weiteren von diesem Menschen gemachten Dinge eher negativ. Positive Eigenschaften nehmen wir dann gar nicht mehr wahr – wir möchten unser anfängliches Urteil gerne immer wieder bestätigt wissen auch wenn dieses völlig durch Voreinstellungen verzerrt ist. Und unser Hirn revidiert den ersten Eindruck nur äußerst ungern.

Wir alle machen ebenfalls leider zu oft den Fehler, dass wir die Handlung einer Person nicht unter den Umständen sehen, in der sie getätigt wird. Als Grund für das jeweilige Verhalten sehen wir dann die Person an sich und nicht die äußeren Faktoren. Wenn uns jemand beispielsweise ein wenig unfreundlich behandelt, schieben wir es direkt auf seinen Charakter und denken nicht darüber nach, aus welchen Gründen die Person noch schlecht gelaunt sein könnte. Dabei gibt es auch wieder eine Differenz zwischen der Einschätzung von uns selbst und von anderen Personen. Bei uns gehen wir eher davon aus, dass wir „nichts dafür können“ und die Umstände Schuld sind – wir sind also sozusagen Opfer der Situation und selber ganz unschuldig.

Einen großen Einfluss auf Einschätzungen anderer Personen haben ebenfalls die in der Gesellschaft vorherrschenden Stereotype über verschiedenste Personengruppen. Wir haben gewisse Erwartungshaltungen, was typisch für Frauen oder für Männer ist und sind dem entsprechend irritiert, wenn jemand diesen Vorstellungen nicht entspricht. Wir sind folglich voreingenommen, haben bestimmte Schranken in unserem Kopf, die das Denken leiten. Wir unterliegen dem sogenannten confirmation bias, der geformt ist durch unsere Erziehung und unsere Sozialisation.

Doch wenn wir uns allen diesen Dingen bewusst werden, können wir gegen unsere eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten angehen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, können wir gegen unsere Attributionsfehler und falschen Einschätzungen etwas tun.
Wir können zum Beispiel versuchen, uns einzugestehen, dass wir nicht besser als andere sind – jedem sind Grenzen gesetzt. Es könnte uns gut tun, wenn wir versuchten unseren Mitmenschen etwas zuzutrauen und beispielsweise schwierige Aufgaben im Büroalltag an einen Fachspezialisten abzugeben. Wir  wissen nun ebenfalls, dass wir nur widerwillig erste Eindrücke über unsere Mitmenschen korrigieren. Geben Sie ihren Kollegen oder Geschäftspartnern doch einfach einmal eine zweite Chance: Versuchen Sie doch einmal, positive Merkmale wahrzunehmen, auch wenn Sie Ihr Gegenüber eher in eine negative Schublade gesteckt haben. Wie geht es Ihnen denn damit, wenn Sie die Schublade in Ihrem Kopf einfach einmal einen Spalt offen lassen?

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